Karneval in Oruro

Am ersten Februarwochenende war schon Karneval! Wie angekuendigt, fuhr ich mit ein paar anderen Freunden nach Oruro - eine kleine Stadt mit etwa 100.000 Einwohnern, ebenfalls im Altiplano, nur drei Busstunden von La Paz entfernt. Zu Karneval reisen allerdings etwa 40.000 (!) Taenzer an, sowie an die 100.000 Besucher - viele Bolivianer aus anderen Regionen, aber auch auslaendische Touristen. Vor allem seitdem der Karneval in Oruro Mitte der 90er Jahre zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben wurde, ist die Anzahl der Besucher stark angestiegen. Demenstsprechend sind Schlafplaetze knapp in diesen Tagen - ich hatte zum Glueck kein Unterkunftsproblem, weil ich bei Robertos Familie schlafen konnte, wo wir uns allerdings auch stapelten: zu sechst in einem 12 qm Raum... Aber wenn man feiert, ist einem sowas ja ziemlich egal! Ausserdem kam ich auf diese Weise vermutlich mal der alltaeglichen Realitaet der meisten Bolivianer etwas naeher, wohnen ja nicht alle in eigenem Zimmer im 18. Stock mit Panoramablick... Der Karneval hat mich schwer beeindruckt. Samstag frueh um 10 beginnt der Umzug mit einer unglaublichen Vielfalt an traditionellen Taenzen aus allen Regionen des Landes - die Taenzer tragen farbenfrohe Kostueme und teilweise irre, grosse Masken. Das Ganze hoert erst morgens gegen 3 Uhr auf, um dann am Sonntag gleich um 10 Uhr von Vorne zu beginnen. Der Unterschied ist, dass am Samstag die Taenzer ernsthafter bei der Sache sind, sich mehr ins Zeug legen, es herrscht fuer sie auch Alkoholverbot - denn Beweggrund der Teilnahme am Umzug ist fuer die meisten die Religion und samstags wird bis zur Kirche der "Jungfrau des Stollens" (Oruro ist eine Minenstadt) getanzt - ca. 7 unheimlich anstrengende km, an dessen Ende die Kirche steht. Vor ihr fallen alle Taenzer und Musiker auf die Knie und bewegen sich kniend bis vor den Altar, wobei fast alle in Traenen ausbrechen - wohl vor dem Hintergrund ihres tiefen Glaubens aus Ruehrung, wenn sie das Bild der Jungfrau sehen. Als Taenzer macht man eine "promesa", das heisst, man bittet die Jungfrau um etwas (z.B. die Genesung eines kranken Familienmitglieds) und verspricht ihr dann, drei Jahre hintereinander beim Karneval fuer sie zu tanzen. Die Leute sind fest davon ueberzeugt, dass das tatsaechlich funktioniert und nennen dir aus dem Stehgreif zig Erfolgsbeispiele aus eigener Erfahrung oder aus dem Freundes- und Familienkreis. Neben dem Wahnsinns Tanz- und Musikspektakel haben die Zuschauer ihren Spass bei einer regelrechten Wasserschlacht mit Wasserbomben, die auf den Strassen und insbesondere zwischen den sich gegenueberliegenden Tribuenen ausbricht und gar nicht wieder abreisst - deshalb werden auch ueberall Regenumhaenge verkauft... Hilft aber auch nicht immer! Solange die Sonne noch da war, war das ein Heidenspass! Und als die Sonne weg war, waren wir eh schon so betrunken, dass wir bald nach Hause gingen... Mein neuester Tanztraum ist jetzt, einmal selbst beim Karneval in Oruro mitzutanzen - vielleicht gehts ja auch ohne "promesa" ;-) (leider sind jetzt keine Fotos vom Karneval dabei, weil ich die bei Mucka deponiert habe, kommen aber noch nach!) Auch der Karnevalsdienstag ist ein wichtiger Tag in Bolivien. Er dient dazu, all die grossen Dinge zu "segnen", die einem wichtig sind und von denen oder fuer die man sich nur das Beste wuenscht im angebrochenen Jahr - das Haus, das Auto, das Geschaeft. Dazu versammelt man sich am Ort des Geschehens mit Familie und Freunden, schmueckt alles mit Luftschlangen und Luftballons und verstreut reichlich Bluetenblaetter. Daraufhin muss jeder Anwesende in alle vier Ecken des Gebaeudes oder Gefaehrts ein bisschen Alkohol schuetten - fuer die "Pachamama", die Mutter Erde, die in Bolivien sehr verehrt wird. Man zuendet Boeller, um boese Geister von dem Ort fernzuhalten. Und es wird natuerlich getrunken - aber auch hier gilt: der erste Schluck gehoert der Pachamama. Adela und Lore nahmen Inka (meine neue Mitbewohnerin seit Anfang Januar, studiert auch in Passau) und mich mit zur "ch´alla" (so nennt man das ganze) im Geschaeft von Lores Tante. Vor Wasser ist man uebrigens waehrend der gesamten Karnevalszeit nicht sicher - will man nicht nass werden, sollte man keinen Schritt vors Haus wagen...

12.3.08 19:53

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