Hauptstadt ohne Hauptstadtflair und Besuch der alten Minen

Sucre - historisch bedeutungsschwerer Ort. Hier wurde 1825 die von Bolívar und Sucre erkämpfte Unabhängigkeitserklärung Boliviens unterschrieben. Nach einem der Befreier wurde die Stadt wenige Jahre später umbenannt.

Seither ist Sucre Boliviens Hauptstadt. Dass viele Leute - selbst aus den Nachbarländern - La Paz für die Hauptstadt halten, kommt nicht von ungefähr: Sucre ist eine niedliche kleine Stadt, die durchaus in Griechenland oder Italien liegen könnte. Sie zeichnet sich vor allem durch ihr historisch-koloniales Stadtzentrum aus, Hochhäuser gibt es keine, auch nicht in den weiter draussen gelegenen Vierteln. Mit seinen gut 200.000 Einwohnern kommt Sucre gegen die 1, 8 Mio. von La Paz und El Alto nicht an (die nicht zusammengehörenden Städte kann man in der Praxis als eine einzige Stadt ansehen, da sie ineinander übergehen). Ausserdem verlor Sucre nach regionalen Auseinandersetzungen Ende des 19. Jahrhunderts den Regierungssitz an La Paz. Das alles ist Grund dafür, dass La Paz hat, was Sucre fehlt: Haupstadtflair. Zur allgemeinen Fehlinformation trägt ausserdem bei, dass auf sämtlichen Karten La Paz als Hauptstadt verzeichnet ist - warum auch immer.

 

Trotz der 18 Stunden genossen Simon und ich schon die Hinfahrt sehr - wir hatten den besten Bus ever erwischt: es war zwar bei weitem nicht der modernste ABER er hatte keinen Fernseher, juhuu! Dazu muss erwähnt werden, dass in Bolivien und vermutlich Lateinamerika überhaupt in den Langstreckenbussen ununterbrochen die beklopptesten Filme der Welt laufen: voll von roher Gewalt und pausenlosem Gemetzel. Wir waren sehr froh, das eine Busfahrt lang mal nicht ertragen zu müssen...

In Sucre verbrachten wir zwei sehr gemütliche Tage. Besuchten u.a. die "Casa de la Libertad", wo die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung damals stattfand, das ethnologische Museum, schlenderten viel durch die engen Strassen und Gassen der "weissen Stadt Boliviens" (so genannt wegen der vielen weissen Häuser) und verbrachten einige Zeit in einem süssen Café auf einem Aussichtspunkt, der einen schönen Blick übers Städtchen gewährte.

 

Am 12.01. weiter nach Potosí - DER Minenstadt Boliviens. Nachdem der Reichtum des "cerro rico" ("reicher Berg", der im Hintergrund der Stadt liegt) 1624 von den Indigenen und 1625 von den Spaniern entdeckt wurde, entwickelte sich Potosí mit rasanter Geschwindigkeit zu einer der grössten und wichtigsten Städte der Welt. Kaum zu glauben, wenn man heute durch seine kleinen Gassen schlendert.

Man sagt, mit dem Silber, das in Potosí im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte gefördert wurde, könne man eine Brücke von Lateinamerika bis Spanien bauen - genauso wie mit den Knochen der vielen in den Minen zu Tode geschundenen Indigenen. Das mag nicht ganz der Wahrheit entsprechen, aber sicherlich die Relationen des von den Spaniern durch das Leid der anderen gewonnenen Reichtums wiedergeben. Das zeigt auch eine Besonderheit der zahlreichen Kirchen im Ort: sie werden unterschieden in solche indigenen und spanischen Ursprungs. Während die spanischen aus Dankbarkeit zum "cerro rico" hingewandt gebaut wurden, wenden die indigenen sich alle von ihm ab, da er ihnen nichts als Leid und Tod brachte.

 

Simon und ich machten eine geführte Tour durch eine der noch funktionierenden Minen mit.

Beeindruckend, wie auch unter Tage der starke Glaube an überirdische Wesen zum Ausdruck kommt: wir besuchten den "tio", eine wahnsinnige, grosse Steinfigur, zu dem die Minenarbeiter Kokablätter, Zigaretten und Alkohol (97% - wir mussten auch alle probieren) bringen, die sie dann einträchtig mit ihm teilen, auf dass er ihnen Glück bringe beim Auffinden der wertvollen Mineralien. Sie geben ihm was, er gibt ihnen was - eine Hand wäscht die andere.

Erschreckend, mit welch vorsintflutlichen Methoden dort noch heute gearbeitet wird - das einzige halbwegs moderne Gerät wird direkt dazu benutzt, den harten Fels zu zertrümmern, ansonsten kriecht man weiter durch niedrige Gänge und lässt sich bspw. 70 Meter tief per Hand auf einem Haken balancierend in die Tiefen des Berges abseilen. Im letzten Jahr starben im "cerro rico" "nur" 47 Leute. Reich wird heute niemand mehr, wenn es gut läuft, reicht die harte Arbeit für den täglichen Lebensbedarf.

 

Wieder viel gelernt über das schöne, aber schon so viel durchgelittene Bolivien.

Abends hatten wir in der lokalen Disco Spass mit den zahlreichen Argentiniern, die mit uns durch die Mine gekrochen waren. Wenn man die mit ihrem Genuschel bloss ein bisschen besser verstehen würde

 

Am nächsten Morgen setzten wir die Reise fort, nächstes Ziel: Uyuni - Ausgangspunkt für eine dreitägige Jeep-Tour durch die grösste Salzwüste der Welt und das Steinwüstengebiet im Südwesten Boliviens . Die Busfahrt nach Uyuni sollte deutlich länger dauern, als geplant....

20.1.08 15:10

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