dekadent ODER Bolivien für Europäer

¡Mis queridos!
Jetzt hab ich mich aber ne ganze Weile rar gemacht.
La Paz…………. Bolivien, so wie man es sich vorstellt: das andine Bolivien, La Paz selbst liegt ja in einem Talkessel, von meinem Zimmer aus sehe ich auf allen Seiten die Häuschen die Berge hinaufkriechen.  Die Bevölkerung sehr indigen geprägt, überall verkaufen die indigenen “cholitas” mit ihren ausladenden Faltenröcken und den runden schwarzen Hüten auf dem Kopf (wobei  ich mich immer frage, wie sie es schaffen, die auszubalancieren….) an den Strassen Obst, Paranüsse, Taschentücher, “maraquecas”, das beste Brot von ganz La Paz, das man in Bäckereien gar nicht bekommt, sondern nur auf der Strasse kaufen kann und allerlei selbstgegrilltes Fleisch, das man als gemeiner Europäer mit empfindlichem Magen lieber meiden solte – meist mindestens ein kleines süsses Kind dabei, das bei der verkaufenden Mamá ausharrt…
La Paz, das ist auch ein einziges Verkehrschaos. Praktiken, die man in Deutschland lieber nicht ausprobiert: immer gerade die Spur nehmen, die am freiesten erscheint, überholen, sobald sich irgendwo eine Lücke auftut und wenn man an eine Kreuzung kommt, einfach weiterfahren, hupen und davon ausgehen, dass man erhört wird.... Eine überwältigende Vielfalt an öffentlichen Verkehrsmitteln: da gibt es Micros, die normalgrossen, uralten Busse, deren Tür während der Fahrt nur selten geschlossen wird, dann Minis, das sind grosse, mittlere oder sehr kleine VW-Busse, die sehr geschickt ausgebaut sind, sodass erstaunlich viele Leute reinpassen – vollgestopft aber, sodass, wenn jemand von hinten aussteigen will, erstmal die halbe Besatzung auf die Strasse und dann wieder schnell zurück ins Gefährt muss.  Das ist aber wohlgeübt und spielt sich innerhalb weniger Sekunden ab.  Ein- und ausgestiegen wird an jeder Ecke, die gewünscht ist.  Man arbeitet zu zweit: neben dem Fahrer gibt es jemanden, der sich während der Fahrt die ganze Zeit aus dem Fenster hängt und die verbleibende Route rausbrüllt, um Fahrkunden anzuwerben.  Drinnen sitzen Geschäftsmänner mit ihren Laptoptaschen neben Cholitas mit zwei Kindern auf dem Schoss, man wird beschallt von nicht abklingender, eintöniger Cumbia-Musik und in manchen Minis erinnern bunt blinkende Lichter rundherum ans noch vor einem liegende Nachtleben.  Dritte Variante: Trufis. Sehen aus wie Taxis, sind aber keine Taxis.  Sie fahren ebenfalls bestimmte Routen ab und sind zu identifizieren an den bunten Pappschildern an der Windschutzscheibe, die die Fahrtziele angeben.  Richtige Taxis gibts natürlich auch! Da gilt es, genau zu unterscheiden zwischen den Guten und den Bösen – die Bösen sind nach der Meinung eines Taxifahrers, der mich neulich nach Hause gebracht hat, immer Peruaner und bringen Touristen um.  Soviel zu Vorurteilen in Bolivien.

La Paz ist reiner geographischer Wahnsinn, so ein Hoch und Runter kann es in keiner anderen Stadt geben…. Wenn man die Höhe nicht so gewöhnt ist, kommt man bei jeder kleinen Erhebung aus der Puste. Von einigen Punkten der Stadt aus hat man einen tollen Blick auf den Illimani – mit über 6.000 Metern der höchste Berg Boliviens, von ewigem Eis bedeckt.  Ja, das sagt man so schön! Laut den neuesten Klimaprognosen war´s das in 50 Jahren schon mit Eis auf dem Illimani. Klimawandel live.
In den letzten Wochen hat Bolivien gebrannt. Hat man davon in Deutschland überhaupt was mitbekommen? In 6 Departamentos (es gibt insgesamt 9) war der Ausnahmezustand ausgerufen,
Von vielen Flughäfen konnten über eine Woche lang keine Maschinen starten, weil der Rauch die Sicht nahm, der Blick auf jegliche Berge war auch in La Paz getrübt. Grund dafür sind meist die Anbaumethoden vieler Kleinbauern, die sich durch Abbrennen kleinerer Flächen neues Ackerland schaffen, was aber oft in grössere Brände ausartet. Mittlerweile sind die Feuer aber unter Kontrolle.
Dafür brennt es politisch an allen Ecken und Enden…. Die Republik Bolivien brodelt.  Ab und zu taucht das Wort Bürgerkrieg auf, um dann gleich wieder zu verschwinden. Demokratische Strukturen straucheln, beispielsweise wenn der sozialistische Präsident Evo Morales das neue Rentengesetz per Regierungsdekret im Alleingang einführt, weil er damit rechnet, dass die Opposition mit ihrer durchaus destruktiven Blockadepolitik so oder so dagegen gestimmt hätte.  Im Stadtzentrum gibt es jede Woche Demonstrationen, für oder gegen unglaublich viele Dinge. Sehr aktuell ist gerade die Diskussion um den Regierungssitz. Sucre, die Hauptstadt (nein, es ist nicht La Paz, das ist wie Bonn und Berlin dereinst) fordert, dass der Regierungssitz in die Hauptstadt gehört und sonst nirgendwohin.  La Paz und Evo sind dagegen.  So wird hier wie dort fleissig mobilisiert. Polarisierter könnte ein Land kaum sein.  Evo fordert als erster indigener Präsident die Rechte der Indigenen nein, auf denen solange rumgetrampelt worden sei.  Damit hat er Recht, scheint aber dabei zu vergessen, dass es im wirtschaftlich starken Süden des Landes auch noch andere Interessen gilt, die es als Präsident der Republik zu berücksichtigen gibt.

Die Radikalität seiner Regierung spiegelt sich auch in meiner Arbeit hier wieder.  Meine Aufgabe ist, e seine abschliessende evaluative und vergleichende Studie zu erstellen über das SIBTA (Bolivianisches System für Arartechnologietransfer).  Es wurde im Jahr 2000 von der damaligen Regierung ins Leben gerufen, um durch individuelle Beratung von Kleinbauern im geeigneten Rahmen deren Produktion und folglich ihr Einkommen zu steigern.  Ausserordentlich viele ausländische Kooperationen unterstützen dieses System, u.a. eben auch die deutsche.  Evos Augen sehen aber die ausländische Entwicklungszusammenarbeit an sich schon sehr kritisch. Ausserdem ist das System von der vorherigen Regierung und Evo macht jetzt einfach ein neues und natürlich ein besseres.  So wird die langjährige Erfahrung des SIBTA einfach auf den Müll geschmissen…. Schön blöd! 
Aber so komme ich jetzt mal zu meinem Praktikum! Die ersten Tage hatte ich nicht wirklich was zu tun, da mein Chef oberbusy war und keine Zeit für ein richtiges einführendes Gespräch hatte.  Am Freitag der ersten Woche kamen wir dann endlich dazu. Haben – wie eben erwähnt  – nochmal festgemacht, dass ich diese abschliessende Studie über das SIBTA verfassen soll.  Vor allem soll ich die Auswirkungen der Beratungen genau untersuchen und die Arbeit der vier verschiedenen koordinierenden Fundaciones, die nach den vier grossen klimatisch-geographischen Regionen Boliviens (der trockene Chaco im Südosten, die feuchten Tropen im Norden und Nordosten, das andine Altiplano im Westen und Südwesten, und die Valles, also der Übergang von den Anden zum Flachland in der Landesmitte) aufgeteilt sind, miteinander vergleichen.  Welche Aspekte ich genau in die Studie einarbeite und wie ich dabei vorgehe, bleibt weitgehend mir selbst überlassen.  Das lässt mir zum einen viel Freiheit und ermöglicht mir selbständiges und kreatives Arbeiten, zum anderen ist gerade das auch gar nicht so leicht, wenn man vorher noch nie eine evaluative Studie erstellt hat.  Habe mich daraufhin viel eingelesen und bin schon ein bisschen schlauer und dabei, mir eine Art Vorgehensplan zu erstellen, ist aber nicht so einfach, weil das System an sich schon wahnsinnig komplex aufgebaut ist.  Manchmal sehe ich kein Land mehr, wenn ich mich durch Texte wie Vereinbarungen mit der bolivianischen Regierung oder bisherige Evaluationen unabhängiger Gutachter quäle und mich dabei mit irrwitzigem spanischem Fachjargon und unzähligen Abkürzungen rumschlage…. Dann wieder bin ich froh, dass mir damit als Praktikantin doch ziemlich viel zugetraut wird und ich eine richtige langfristige Aufgabe mit einem klaren Ziel und Sinn habe.  Was das Praktikum angeht, also ein Gefühlsauf- und ab….
Mein Arbeitstag beginnt morgens um halb neun, Mittagspause von 13-14.30h und dann stramm durch bis um sechs offiziell.  Da meine Kollegen aber eigentlich alle später gehen und ich auch genug zu tun habe, geh ich auch meistens erst um halb sieben, sieben.  Ganz schön anstrengend so ein Bürotag…. Zumal ich im Büro an einer Stelle sitze, wo kein richtiges Fenster ist, sondern nur eine milchige Glasscheibe – das heisst, es kommt zwar Tageslicht rein, ich kann aber nicht rausgucken und nur erahnen, ob das Wetter gut oder schlecht ist :-(  In der Mittagspause treff ich mich meistens mit Tobi (aus Passau) und Simone (auch ne Deutsche, alle 3 Praktikanten hier) und manchmal noch ein, zwei anderen, je nachdem.  Das ist total nett und gut zum abschalten!
Noch mehr Kontrastprogramm dann meist nach Feierabend: Nach 9 Stunden sitzen sehne ich mich nach Bewegung und gehe an vielen Abenden tanzen! Montags und Mittwochs mache ich regulär Salsatanzstunde in einem wunderschönen alten Saal mit alten, abgetanzten Holzdielen im Hotel Torino, im alten Zentrum, in unmittelbarer Nähe des Regierungspalasts.  Schon nach der zweiten Stunde bin ich mit dem Tanzlehrer und Freunden von ihm in eine Salsabar gegangen, wo wir richtig getanzt haben…  Seitdem gehe ich abends öfter mit ihnen irgendwo tanzen.  Ausserdem nehme ich seit letzter Woche ab und zu Privatstunden bei Roberto, dem Tanzlehrer (könnte ich mir in Deutschland natürlich nie leisten – das muss ich ausnutzen :-)) – da dann der Saal nicht frei ist, tanzen wir auf meiner Dachterasse, über den Dächern von La Paz mit seinen tausend Lichtern vorm Nachthimmel im Hintergrund…… sehr dekadent!!!

Sowieso lebe ich hier eigentlich unglaublich dekadent – jeden Mittag essen gehen, wo gibts denn sowas??? Aber wenn das 4-Gänge-Menü nur 1,60 Euro kostet, kann man dagegen als Europäer nichts sagen.. Bolivien ist wahnsinnig günstig, wenn man an Preise in Euro gewöhnt ist.
Dekadent auch mein Praktikum – wurde vom Chef erstmal mit einem niegelnagelneuen Firmenlaptop ausgestattet und darin eingewiesen, wie man die Kostenrückerstattungsformulare ausfüllt.  Die hab ich auch schon gebraucht, denn Dienstag ging es in aller Früh im Flugzeug zu Verhandlungen über ein neues Abkommen mit der Regierung des Departamento Tarija im Süden Boliviens.  Mein Chef hatte gefragt, ob ich nicht mitkommen will, weil es auch um neue Projekte im Bereich des Agrartechnologietransfers gehen sollte.  War ganz interessant, solchen Verhandlungen zu folgen.  Bei der Gelegenheit konnte ich auch meine ersten Interviews mit ein paar Regierungsmitarbeitern führen, die auch mit dem SIBTA zu tun haben/hatten.
Sowieso krieg ich hier Einblicke in mir ganz neue Bereiche – zum einen überhaupt in deutsche Entwicklungszusammenarbeit und wie das so abläuft, zum anderen in so Themen wie eben kleinbäuerliche Beratung oder Katastrophenrisikomanagement, dazu habe ich in der ersten Woche an einem mehrtägigen Workshop mit Teilnehmern aus den verschiedenen Andenländern teilgenommen. Da gings dann um Themen wie wie man die Bevölkerung möglichst effektiv vor Gefahren wie Überschwemmungen, Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Erosion etc. schützt.
Meine Kollegen sind alle ganz nett, aber es macht jeder ziemlich sein eigenes Ding und man ist beschäftigt.  Es sind ca. 1/3 Deutsche und 2/3 Bolivianer, sodas doch nicht soviel Deutsch im Büro gesprochen wird, wie ich befürchtet hatte.  Die Studie soll ich auch auf Spanisch verfassen.  Auf dem Klo steht Raumduftspray mit der Duftrichtung “Erdbeeren mit Sahne”, was manche Kollegen anscheinend exzessiv benutzen, sowas gehört irgendwie nicht aufs Klo…. kkkkkkkkkkk
Also, insgesamt eigentlich alles ganz gut – mal abgesehen davon, dass meine Aufgabe mich gerade etwas stresst…

Und jetzt hab ich immer noch nicht von unserer 2-Tagestour zum Titicacasee geschrieben!!

Zwei Wochen ist die Tour jetzt schon her.  Ich bin mit Tobi und Simone aus Deutschland und einem ganzen Haufen Bolivianer des hiesigen andinen Trekkingclubs gefahren.  Habs total genossen, ein bisschen raus aus der Stadt und rein in die Natur zu kommen. Die Busfahrt dauerte (wie so oft) länger als gedacht: erstmal aus La Paz´ Talkessel raus und durch El Alto, die grosse Stadt, die gleich an La Paz angrenzt, aber komplett auf der flachen Hochebene liegt. Nach ca. 2 1/2 Stunden mussten wir mit dem Bus über eine schmale Stelle im See übersetzen, um dann noch ein Stück weiterzufahren bis Copacabana (da der Zuckerhut an Rios Strand so ähnlich aussieht, wie der Hügel rechts von Copacabana am Titicacasee, heisst Brasiliens bekanntester Strand auch so, wer hätte das gedacht).  Ganz niedlicher, aber wahnsinnig touristischer Ort. Von dort gings auf einer wunderschönen Bootstour zur Isla del Sol. Leider hatten wir dort dann nur sehr wenig Zeit, haben einmal übernachtet und halt zwei kleine Wandertouren gemacht - sehr klein. Mir war das ein bisschen zu wenig, aber die Hinfahrt hatte halt auch länger gedauert, als geplant.  Die Insel hat mir sehr gut gefallen. Total ruhig, eine Wohltat nach dem alltäglichen Chaos in der Stadt des Friedens. Der See strahlt mit seinem tiefen blau noch mehr Ruhe aus, am Horizont fällt es manchen schwer, Wolken von der schneebedeckten Gebirgskette zu unterscheiden...  Aber auch hier stapelten sich ab mittags irgendwann die Touris.....

Endlich gibts auch neue Fotos auf dem Link rechts!

Ich bin total glücklich hier in La Paz! Die Stadt gefällt mir supergut, ich fühle mich wohl hier.  Schade ist nur, dass ich unter der Woche nicht viel von ihr habe, mal abgesehen vom Nachtleben , das nutze ich dafür nicht zu knapp!

Daniel und Alex sind jetzt leider schon wieder in Deutschland - aber ich habe ein paar Freunde von ihnen kennenlernen können, mit denen ich jetzt auch noch manchmal was mache.

Jetzt ist es schon spät und ich muss schnell los - heute abend ist ein departamentaler Salsawettkampf, das kann ich mir nicht entgehen lassen!

Ich hoffe, euch gehts allen seeeeeeeeehr gut!! Lasst mal von euch hören! Auch wenn ich hier muy feliz bin, fehlt ihr mir immer, amiguitos!!!

besitos besitos besitos

20.10.07 02:17

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(4.11.07 17:24)
Hey Rune!
Ich drück mich hier gerad vorm Weiterschreiben meiner Hausarbeit und lese lieber eure tollen Erlebnisse in LA, Afrika und Asien durch. Schon komisch, dass man selbst im Ausland nach 9 Monaten schon wieder Fernweh verspüren kann...
Nachdem ich jetzt wirklich schon von vielen Leuten so vieles über Bolivien gehört habe, kriege ich immer mehr Lust dieses Land auch mal kennenzulernen. Hört sich alles sehr spannend an. Wo ist dein Praktikum eigentlich? Bei der GTZ oder was für einer Organisation?
Ich wünsche dir weiterhin ganz viel Spaß!

Beijos oder jetzt wohl eher besitos für dich.

Bontje

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