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Nach der Reise ist vor der Reise oder birthday in between

Ende Oktober bis 13.11. war ich also drei Wochen lang für meine Studie unterwegs.  Die Idee war, drei der vier „fundaciones“ zu besuchen, also Büros, die die „Projekte angewandter Agrartechnologie“ (Hauptbestandteil des Systems, das die Studie beschreiben soll) koordinieren.
Mein erstes Reiseziel war Santa Cruz – im tropischen Osten gelegen die grösste Stadt Boliviens, in deren Nähe sich die fundación befindet, die für die feuchten Tropen zuständig ist. In jeder fundación hielt ich mich drei bis vier Arbeitstage auf. Die Besuche beinhalteten in der Regel Interviews mit Mitarbeitern dieser Verwaltungseinheiten, Einsicht in mir wichtig erscheinende Dokumente und Besuche von einzelnen Projekten, um mir einen Eindruck von der Arbeit dort zu verschaffen und mit einigen der Projektteilnehmer sprechen zu können – die Fotos vermitteln vielleicht einen kleinen Eindruck von der Vielfalt der Projekte: da gibt es z.B. Projekte, in denen den Bauern beigebracht wird, wie sie ihr Zuckerrohr besser vor Krankheiten schützen können, andere in denen erklärt wird, dass Schweinefleisch nicht besser wird, wenn die Schweinchen rumlaufen, wo es ihnen gefällt und fressen, was ihnen vor den Rüssel kommt, sondern man ihnen in intensiver Haltung ausgewogene Ernährung servieren sollte oder solche, in denen zunächst verschiedene neue Zwiebelarten ausprobiert werden, um letztlich eine rentablere Sorte anbauen zu können.
In Santa Cruz war ich abends ein paar Mal tanzen, ansonsten hat die Stadt meiner Meinung nach nicht besonders viel zu bieten. Ausserdem hat mir das feuchtheisse Klima dort nach den kühlen Höhen von La Paz doch ziemlich zu schaffen gemacht...

Diesbezüglich wurde es auch nicht besser: mein nächstes Ziel hiess Yacuiba, Grenzstadt zu Argentinien – also ganz im Süden des Landes gelegen in der Ökoregion Chaco. Der Chaco ist ziemlich gross und umfasst Teile Boliviens, Argentiniens und Paraguay. Ein ganz eigenes Naturphänomen dieser Region sollte ich bald kennenlernen: die Südwinde, die urplötzlich vom Süden Argentiniens über die flache Ebene bis in den Chaco hinaufwehen können und im Handumdrehen für einen totalen Wetterumschwung sorgen. In den ersten Tagen bin ich in Yacuiba vor Hitze fast eingegangen, es waren über 40°C im Schatten – bis ich eines morgens aufwachte, es regnete und ich wieder meine dicke Jacke rausholen musste, weil das Thermometer nur noch knappe 10°C anzeigte... Das fand ich wirklich unbegreiflich.


 In Yacuiba hatte ich eine echt nette Zeit. Zum einen habe ich mich mit einer der Kolleginnen der fundación angefreundet, zum anderen hatte ich in La Paz Walter kennengelernt, der ursprünglich aus Yacuiba kommt und dort gerade bei seiner Familie zu Besuch war. Dadurch konnte ich auch den „Dia de todos los Santos“ (Allerheiligen) mit Familienanschluss verbringen, was wirklich schön war. Allerheiligen ist hier ein sehr wichtiger Feiertag, der in der Familie begangen wird. Man bäckt Zuhause tagelang süsse Teilchen, die man später auf dem Friedhof an betende Kinder verteilt. Zuhause wird eine Art Altar aufgebaut mit Fotos der verstorbenen Verwandten, deren Lieblingsspeisen und –getränke zubereitet und zu den Fotos gestellt werden. Dasselbe passiert zum Teil auch auf dem Friedhof selbst. Der Friedhof ist jedenfalls überfüllt mit Menschen, die Floristik läuft auf Hochkonjunktur und es fliesst viel Alkohol... Ich mit Walters Familie mittendrin. Abends haben sie mich ins Elternhaus eingeladen: dort waren schon acht der neun Geschwister plus Anhang versammelt, die Stimmung ausgelassen, es kreisten Matetee und ein Glas Rotwein, das sich nie zu leeren schien – mit der einbrechenden Dunkelheit wurde die Gitarre hervorgeholt und der Abend gehörte der chacarera, traditioneller Musik, es wurde viel gesungen und getanzt. Ein wirklich toller Tag!
Als nächstes ging es nach Camiri, einer winzigen Stadt, ebenfalls im Chaco gelegen. Dort befindet sich ein regionales gtz-Büro, in dem gerade Workshops mit Projektteilnehmern des SIBTA durchgeführt wurden, die für mich sehr interessant waren. Camiri konnte mich nicht wirklich begeistern, zumal ich erstmal mit einer wirklich schlimmen Erkältung darniederlag.
Ein paar Tage später konnte ich glücklicherweise nach Cochabamba aufbrechen, der dritten wichtigen Stadt Boliviens, die genau zwischen La Paz und Santa Cruz liegt und sich durch ein ausgesprochen angenehmes, beinahe mediterranes Klima (allein, es fehlt die Nähe zum Meer) auszeichnet. Dort konnte ich netterweise bei den Eltern von Ronald bzw. den Schwiegereltern von Tina (Freunde aus Passau) wohnen, die dort auch gerade ein Praktikum macht. In der Familie hab ich mich sehr wohl gefühlt und es genossen, mich nach der sterilen Hotelatmosphäre wieder irgendwo Zuhause fühlen zu können. In „Cocha“, wie die Cochabambinos liebevoll sagen, war ich viel mit Tina und Juanca (einer meiner Mitbewohner in Passau) unterwegs, der auch gerade dort weilt. Das war ein schöner Abschluss dieser Reise!
Am 13.11. ging es zurück nach La Paz, pünktlich um in meinen Geburtstag reinzufeiern J. Das haben wir dann auch gebührend getan: ich war mit ein paar Freunden (meine Mittagessen-connection, bestehend aus Tobi und Simone und meiner Salsaclique) bis ganz schön spät im Mongos, sehr nett. Der 14.11. selbst war ja ein ganz normaler Arbeitstag. Aber auch ganz nett: ich hab im Büro eine Runde salteñas geschmissen (das sind mit einem so sossigen Fleisch-Gemüse-Brei gefüllte Teigtaschen, dass man sich als Anfänger unweigerlich das ganze Hemd bekleckert) und wurde mit Ständchen auf spanisch und spanglish und einem eindrucksvollen Blumenstrauss bedacht.

Nach der Arbeit begannen wir Zuhause mit den Vorbereitungen für den Abend. Mit Adela und Lore (Mitbewohnerinnen) habe ich „masaco“, ein typisches bolivianisches Gericht zubereitet, deren Hauptzutaten fritierte Kochbananen und getrocknetes Rindfleisch sind, alles im riesigen Mörser zerkleinert. Mit viel Verspätung trudelten irgendwann die Gäste ein. War ein ganz gemütlicher Abend, klassisch mit Kerze ausblasen und Sekt und so.  Als die Leute gegen Mitternacht gingen, hab ich mich doch nicht zurückhalten können und noch andere Freunde zum tanzen getroffen.

Das Arbeiten am nächsten Tag fiel dann ein bisschen schwer...
Aber halb so schlimm, denn ab dem 16.11. hatte ich die mir zustehenden sechs Urlaubstage genommen und konnte entspannen. Nach nur drei Tagen in La Paz (Fazit: drei mal abends tanzen gewesen, insgesamt nicht mehr als 7 Stunden geschlafen) ging es also schon weiter.
Ziel: Machu Picchu. Aber schon der Weg war das Ziel – Simon (meine Sandkastenliebe ;-)) und ich hatten uns ausgemacht, zusammen den „camino Salkantay“ zu wandern – das hiess in fünf Tagen zum Machu Picchu laufen.
Simon, Jörg (ein Freund von Simon) und ich trafen uns am Freitag in Puno, auf der peruanischen Seite des Titicacasees. Von dort ging es am nächsten Tag mit einem gemütlichen Bummelzug nach Cusco – DEM Ausgangspunkt für die Hunderttausenden gringos, die jedes Jahr zu den Ruinen der alten Inkastadt pilgern.
Sonntag hatten wir ein bisschen Zeit, uns Cusco anzuschauen und Montag ging es in aller Hergottsfrühe los: um 4.30h holte uns unser guide am Hostel ab, um uns zu einem Treffpunkt zu bringen, von wo aus wir in einem grossen Bus zum Ausgangspunkt der Wanderung gelangen sollten, der etwa drei Fahrtstunden von Cusco entfernt lag. Doch schon nach kurzer Zeit brach der Bus zusammen und es passierte eine ganze Zeitlang gar nichts. Irgendwann kam ein Minibus (etwas grösserer VW-Bus) an, in den wir uns mit – sage und schreibe – 21 Leuten zwängten, das komplette Gepäck auf dem Dach, da konnte einem auf der schmalen Bergstrasse schon ein bisschen mulmig werden....
Die Tour war genial. Ich hatte zunächst die Befürchtung, dass mir die Gruppe zu gross ist – letztlich war es aber total ok, weil beim wandern eh jeder sein eigenes Tempo hat und die Gruppe sich insofern den Tag über immer stark aufsplittet. Und abends war es sehr nett mit all den Leuten, ein bunt gemischter Haufen – von der hawaiianischen Hochzeitsfotografin über den brasilianischen Chemiker bis zum norwegischen Informatiker waren alle möglichen interessanten Leute dabei.
Das Ganze war schon eine Luxustour: wenn wir abends im Camp ankamen, waren unsere Zelte bereits aufgebaut, die schweren Rucksäcke (die von Maultieren getragen wurden) lagen bereit und aus dem Kochzelt duftete es bereits nach Essen.  Das war schon ganz angenehm...

Der „camino Salkantay“ gilt als Alternative zum „camino del Inka“, auf dem die Wanderung nur drei Tage dauert und der wahnsinnig überlaufen sein muss.  Ich fand den Salkantay super – innerhalb der fünf Tage sind wir verschiedenste Klima- und Temperaturzonen durchlaufen, sind am zweiten Tag auf 4.600m aufgestiegen, wo wir noch Alpacamützen trugen und gefroren haben, während uns nur einen Tag später in den Tropen nur so die Sosse runterlief.  Ausserdem gabs ein paar nette heisse Thermen auf dem Weg, die ideale Entspannung nach einem Wandertag...

Am fünften Tag haben wir um 4.30h morgens von unserer letzten Übernachtungsstätte aus den finalen Aufstieg zum Machu Picchu begonnen – das hiess gefühlte 5.000 Treppenstufen innerhalb von 1 ½ Stunden, immer im Wettlauf mit der Zeit, um möglichst noch vor dem ersten Touribus oben zu sein. Hat leider nicht ganz geklappt, aber wir waren immerhin unter den ersten 100 Besuchern oder so.

Die Anstrengungen haben sich mehr als gelohnt: der Machu Picchu ist wirklich Wahnsinn! Ich war sehr beeindruckt. Zum einen ist das Stadtgelände wirklich riesig und allein für sich schon beeindruckend, zum anderen ist die Kulisse gigantisch – seht selbst auf den Fotos. Besonders mysthisch war es durch die Wolken, die sich in den frühen Morgenstunden durch die geschichtsträchtigen Ruinen zogen...

Die Reisen waren toll, aber genauso sehr freue ich mich jetzt, endlich mal eine längere Zeit am Stück im schönen La Paz zu sein. Der Arbeitsalltag hat mich natürlich auch wieder, aber ich verbringe schöne Abende mit Freunden, meist beim tanzen und ich hatte an den beiden vergangenen Wochenenden sehr nette Besuche.  Erst war Jörg hier, der auch den Salkantay mitgelaufen ist und am Wochenende danach die Tina aus Cochabamba. Mit beiden hab ich viel unternommen und eine schöne Zeit gehabt.
Was ist sonst noch passiert? Anfang vergangener Woche hatten wir so eine Art Jahrestreffen / Weihnachtsfeier vom PROAGRO, dem Programm der gtz in dem ich mein Praktikum mache. Zwei Tage in einem ziemlich schicken Hotel in den Yungas, das ist eine tropische Region, nur drei Busstunden von La Paz entfernt und schlappe 2.000 Höhenmeter tiefer gelegen. Über 60 Leute waren wir aus fünf verschiedenen Büros.  Programm: Gruppendynamik- und wie-verbessern-wir-unsere-Kommunikation?-Workshops, was lustig und wirklich gut war und am letzten Abend eine Talentshow, bei der jedes Büro etwas präsentieren musste. Dazu eine kleine Vorgeschichte:
Vor zwei Wochen etwa wurde ich in den Konferenzsaal bei uns im Büro gerufen, ich wusste nicht, was los ist – als ich reinkam, schallte mir afrobolivianische Musik entgegen und mein Chef und alle meine Kollegen waren in ihren Anzügen schon voll dabei, die entsprechende Choreographie zu tanzen... Ein Bild für die Götter! Die sind ja auch fast alle keine 30 mehr...
Unser Büro hat also Saya, den afrobolivianischen Tanz, komplett traditionell gekleidet aufgeführt, was ziemlich lustig war und ich hab mit einem Kollegen, der Tanzlehrer ist, noch eine kleine Salsa-Präsi gemacht. Die Party danach ging bis in die frühen Morgenstunden, super Stimmung – es war wirklich nett, meinen Chef und die Kollegen mal von einer ganz anderen Seite kennenzulernen.
Hier weihnachtet es offensichtlich sehr: zumindest prangt überall kitschigster Weihnachtsschmuck. Das ist aber auch das einzigste, was mich hier nicht vergessen lässt, dass Weihnachten quasi vor der Tür steht. Das Wetter ist wie eh und jeh, im Moment ziemlich wechselhaft. Bei mir steht vor allem im Vordergrund, dass mein Praktikumsvertrag bis 31. Dezember geht und ich vermutlich auch die volle Zeit brauchen werde, um meine Studie fertigzustellen. Deshalb ist nicht viel mit weihnachtlicher Gemütlichkeit! Heiligabend werde ich mit Adela, Lore und ihrer Familie (insgesamt sind wir dann acht) hier Zuhause am künstlich blinkenden Plastikbaum verbringen. Hab mir vorgenommen, noch ein paar Plätzchen zu backen, damit es doch ein bisschen wie mein gewohntes Weihnachten ist ;-)
Es wird bestimmt ganz nett mit ihnen, bin gespannt, was sie so machen.

Und ich schmiede weitere Reisepläne..... Kurz vor Silvester kommt Simon mit ein paar Freunden nach La Paz, sodass wir hier zusammen feiern und danach wollen wir uns knapp drei Wochen lang Bolivien zusammen ein bisschen anschauen und Arequipa in Peru, wo Simon gerade sein Auslandssemester macht – da war ich auch noch gar nicht. Ende Januar komm ich dann nochmal für eine Zeit nach La Paz und Karneval wird in Oruro gefeiert! Oruro ist drei Busstunden von La Paz entfernt, auch im Hochland und dort soll es den grössten und besten Karneval Boliviens geben mit den meisten Tänzern, der tollsten Musik und den meisten Betrunkenen  Das erzählt man mir zumindest, seitdem ich vor 2 ½ Monaten angekommen bin, weshalb ich mir diese fiesta auf keinen Fall entgehen lassen kann. Ich hab das Glück, dass ein Freund von mir dort Familie hat, bei der wir wohnen können, denn die Hostels und Hotels sind wohl schon Monate vorher ausgebucht.


 Und dann... Ich hatte ja ursprünglich vorgehabt, noch ein zweites Praktikum irgendwo in Latinoamérica zu machen. Aber das Reisefieber hat mich gepackt! So habe ich jetzt beschlossen, einfach zu reisen, bis es im April zurück nach Niederbayern geht. Bezüglich der Route ist mein Plan kein Plan, das wird sich in den nächsten Wochen noch rauskristallisieren, mein Rückflug geht jedenfalls Anfang April von Ciudad de México...

 

zu den Fotos: hab ziemlich viele hochgeladen, also fröhlich durchklicken...

 

 

1 Kommentar 18.12.07 13:58, kommentieren